Ballade vom Schneider von Ulm

 

 

Am 31. März 1811 führte Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm, an der Donau die erste flugtüchtige Flugmaschine vor. Berblinger war ein hochbegabter Erfinder, ein Freigeist, Symphatisant der französischen bürgerlichen Revolution. Unter dem dröhnenden Lachen der Ulmer und des königlichen Hofes stürzte er in die Donau. Was war geschehen?

 

 

Bin ein Schneidermeister in dieser engen Stadt

Hab es satt, das Spießerbürgerleben.

Möchte meine Idee zu fliegen, siegen sehn

Will hoch über den Ulmer Dächern schweben.

Bau mir Flügel, ohne Zügel, brech´ ich aus,

Gleiche Dädalus, verlass' das Labyrinth, mein Haus;

Kost´ alles aus, will fliegen, will schweben.

 

Lieber Herr Rat, treten Sie ein, vielleicht ein Wein

Was soll es sein, womit kann ich dienen?

Ein neues Wams, schnell und gut geschneidert

Dann sind Sie wieder bestens eingekleidet

In Gedanken aber bin ich bei den Sternen

Will hoch mich heben über Ulm, hab viel zu lernen

Will frei sein und die Schwerkraft besiegen.

 

Herr Nachbar, mit Deinem Hinkefuß,

ein letzter Gruß aus des Königs roter Schlacht,

Du kannst Dich nur schwer bewegen.

Es schmerzt und zwickt, kannst Dich kaum regen.

Ich hab getüftelt und getestet und probiert

Eine neue Beinprothese für Dich kreiert,

habs erdacht, Nachbar, und für Dich gemacht.

 

Freunde, heut´ Nacht im Jahr 1794,

halten wir Wacht, für unsre Kameraden.

Fünf Kanonen hat der Ulmer Rat

bereit gestellt, sie sollen aus der Stadt

nach Frankreich roll´n, wir werden sie blockier´n,

nicht gegen die Revolutionsheere führ´n,

unsre Kanonen sollen niemand schaden.

 

Frau, ich geh den Berg hinauf,

aufs Hochsträß rauf, will den Wind besiegen.

Ich habe eine neue Konstruktion

Flügel aus Holz, Gelenken und Leinen

Hab zugeseh´n den Vögeln Tag und Nacht

Viel überlegt und durchgedacht

Mit diesen Flügeln werd´ ich fliegen.

 

Der König besucht Ulm Ende Mai,

die letzte Chance, es allen zu beweisen.

Sie schneiden mich, kein Freund kommt in mein Haus.

Sie spotten und die Arbeit die bleibt aus.

Der Nachbar grüßt nicht mehr, mein großer Traum

kostet zu viel, das Geld reicht kaum,

ich werde fliegen, zu den Wolken reisen.

 

Auf der Alb aber flog er mit dem Wind,

war wieder Kind, frei und ohne Zügel.

Flog mit den Vögeln dem hellen Licht entgegen,

war schwerelos, lernte leicht zu schweben

Flog immer höher hin zu Sonn´ und Mond

Wollt´ schauen, ob da oben jemand wohnt

Freiheit braucht Flügel.

 

Ach König, hier auf der Bastei,

über der Donau, vor gaffender Menge,

stürzt mit dem Schneider auch die Revolution,

der Berblinger fällt mit seiner Flugkonstruktion.

Das Volk spottet und der Hofstaat lacht:

Der Ulmer Schneider abgestürzt und nassgemacht,

ausgesetzt dem Hass, der Enge der Menge.

 

Sie schmiedeten gegen ihn einen Plan,

denn was er kann, war zuviel für sie.

Sie wollten ihn an die Donau zwingen

und danach ihr Spottlied singen:

"Dr Schneider von Ulm hotts fliaga probiert

Do hot en dr Teifel en Donau neigführt."

 

Der Wind dort war schlecht, der König aber wollt´

ihn stürzen sehn, seine Idee, das war sein Ziel,

er trug es aus, es ging schlecht aus:

 

Auf der Alb aber flog er mit dem Wind,

 war wieder Kind, frei und ohne Zügel.

Flog mit den Vögeln dem hellen Licht entgegen,

war schwerelos, lernte leicht zu schweben

Flog immer höher hin zu Sonn´ und Mond 

Wollt´ schauen, ob da oben jemand wohnt

Freiheit braucht Flügel.

 

© Text und Musik:

 Hermann Schleicher-Rövenstrunck

im August 2001

 

Der Schneider von Ulm

 

Schneidermeister und Erfinder ...

 
Wenn das Schneiderhandwerk auch nicht sein Traumberuf war, so war Berblinger darin dennoch recht erfolgreich: Bereits mit 21 Jahren wurde er Meister - vier Jahre vor dem dafür vorgesehenen Alter.
Seine Erfindungsgabe stellte er unter Beweis, als er dem Invaliden Elias Schlumperger buchstäblich wieder auf die Füße half. Diesem Stadtsoldaten hatte im Juli 1807, als die Ulmer Napoleons Sieg in der Schlacht bei Friedland feierten, ein explodierender Böller den Fuß weggerissen. Damals waren als Prothesen noch hölzerne Stelzen üblich. Berblinger aber baute Schlumperger 1808 eine „künstliche Fußmaschine“, die tatsächlich wie ein Bein aussah und - Vorfahrin der heutigen Prothese - sich in den Gelenken bewegte.
Da Ulm von 1802 bis 1810 zu Bayern gehörte, wandte sich Berblinger mit seiner Bitte, sich diese Erfindung autorisieren und sie im ganzen Land bekanntgeben zu lassen, an den bayerischen König. Die entsprechende Genehmigung hätte in jenen kriegerischen Zeiten, in denen Tausende von Soldaten zu Krüppeln geschossen worden waren, das Einkommen des auch so schon recht erfolgreichen Schneidermeisters gewiss beträchtlich erhöht. Doch der Allerdurchlauchtigste König lehnte ohne nähere Begründung ab.

 

... träumt vom Fliegen


 
 

Berblingers Absturz ...


 
 

... und persönlicher Ruin

 

 

Späte Anerkennung