Lied der freien Republik (incl. Absalom-Lied)

 

In dem Kerker saßen
zu Frankfurt an dem Main
schon seit vielen Jahren
sechs Studenten ein
Die für die Freiheit fochten
und für das Bürgerglück
und für die Menschenrechte
der freien Republik.

 

Und der Kerkermeister
sprach es täglich aus :
“Sie, Herr Bürgermeister
es reißt mir keiner aus!”
Aber doch sind sie verschwunden
abends aus dem Turm
um die 12. Stunde
bei dem großen Sturm.

 

Und am nächsten Morgen
hört man den Alarm
Oh es war entsetzlich
der Soldatenschwarm
Sie suchten auf und nieder
sie suchten hin und her
Sie suchten sechs Studenten
und fanden sie nicht mehr.

 

Doch sie kamen wieder
mit Schwertern in der Hand
Auf, ihr deutschen Brüder
jetzt geht´s fürs Vaterland
Jetzt geht´s für Menschenrechte
und für das Bürgerglück
Wir sind doch keine Knechte
Der freien Republik!

 

Wenn euch die Leute fragen :
“Wo ist Absalom ?”
So dürft ihr wohl sagen:
“Oh, er hänget schon !
Er hängt an keinem Baume
er hängt an keinem Strick,
sondern an dem Traume
der freien Republik!

– – – – –

Fragen sie gerühret
will er Amnestie?
Sagt, wie sich’s gebühret
Er hat steife Knie
Ihm ist nichts geblieben
als ein Verzweiflungsstreich
Demokrat zu werden
für ein freies Reich!

 

 

Das politische Ereignislied "In dem Kerker saßen zu Frankfurt an dem Main" bezieht sich auf die Flucht von sechs Studenten, die aufgrund ihrer Teilnahme am Frankfurter Wachensturm 1833 zu lebenslänglichen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Ihr erfolgreicher Ausbruch im Januar 1837 schlug sich in einem Spottlied auf die Obrigkeit nieder, das in den Jahren zwischen 1837 und 1848 als anonyme Umdichtung von Wilhelm Sauerweins "Lied der Verfolgten" entstanden ist. Noch im ausgehenden 19. Jahrhundert war das Lied von den "sechs Studenten" in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ein beliebter Gesang. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es unter dem Titel "Die freie Republik" – vor allem im Rahmen der Folk- und Liedmacherbewegung – eines der populärsten historisch-politischen Lieder.

 

I. Das Lied über die sechs Studenten, die 1837 aus dem Frankfurter Gefängnis fliehen konnten, ist im Jahrzehnt vor der Revolution 1848 entstanden, möglicherweise direkt nach ihrem erfolgreichen Ausbruch am 10. Januar 1837. Der Autor des Textes ist nicht bekannt. Es scheint naheliegend, dass dieses Spottlied auf die Justiz- und Polizeibehörden damals recht zeitnah, als unmittelbare Reaktion auf die Ereignisse, verfasst wurde und dass die Urheber im Kreis der republikanisch gesonnenen Sympathisanten des Frankfurter Wachensturms von 1833 zu suchen sind – ähnlich wie bereits 1833 die erfolgreiche Flucht des Studenten Bernhard Lizius mit einem entsprechenden Spottlied kommentiert wurde ("Jetzt, Schnitzspahn, streck die Beine aus"). Handfeste Belege für diese Annahme sind allerdings nicht greifbar. Die älteste bekannte Quelle stammt aus dem Jahr 1848. Dieser Eintrag in einem handschriftlichen Liederbuch aus Hessen (Edition A) lässt aufgrund seiner teilweise recht holprigen Textfassung jedoch vermuten, dass das Lied zu diesem Zeitpunkt bereits einige Jahre im Umlauf war.

 

II. Den historischen Hintergrund des Liedes bilden die Ereignisse um den Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833. Dieser gescheiterte Versuch, durch eine bewaffnete Eroberung der Frankfurter Polizeiwachen das Signal zu einer revolutionären Erhebung in ganz Deutschland zu geben, gehörte nach dem Hambacher Fest (1832) zu den spektakulärsten politischen Aktionen des Vormärz und erfuhr seinerzeit ein weites publizistisches Echo (Schmidt 2011). Die Aufständischen waren zumeist Studenten, vielen von ihnen gelang die Flucht. Die inhaftierten Akteure wurden im Oktober 1836 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Als im Januar 1837 sechs von ihnen die Flucht aus der Konstabler Wache in Frankfurt gelang, war dies erneut ein sensationelles Ereignis, das mit entsprechender öffentlicher Resonanz einherging (Schulz 1839, Stricker 1879). Hier knüpfte das Lied mit seiner Schadenfreude über die Düpierung der Staatsorgane, wie "Kerkermeister" und "Gendarmenschwarm", an: "Ihr seid angeschmieret, Spott wird euch, und Schmach" . Es feiert den erfolgreichen Ausbruch der sechs Studenten und bekundet Sympathien für deren politische Intentionen: "Weil sie gekämpft die Braven, / Für das höchste Glück, / Gegen jene Sclaven, Für die Republick." Als Vorlage für das Lied diente das erst wenige Jahre zuvor entstandene "Lied der Verfolgten" ("Wenn die Fürsten fragen") von Wilhelm Sauerwein, das sehr pointiert die politische Haltung der aus Deutschland geflohenen Demokraten formulierte. Indem das Lied von den sechs Studenten die Eingangsstrophe von Sauerweins "Wenn die Fürsten fragen" übernahm und sie zur demonstrativen Schlussstrophe umfunktionierte, veranschaulichte es – bei allem Hohn – zugleich die politische Dimension der Aktion: Die geflüchteten Studenten zählten nunmehr ebenfalls zu jenen politisch Verfolgten, die aufgrund ihrer republikanischen Überzeugungen in der Zeit des Vormärz im Exil leben mussten. Einen neuen inhaltlichen Akzent erhielt das Lied nach den Erfahrungen der Revolution 1848/49, als auch dieses Ereignis noch in den Liedtext integriert wurde Damit veränderte sich dessen politische Botschaft: Neben den Gefangenenausbruch als Symbol des Triumphes über staatliche Repression trat nun eine politische Traditionsstiftung, die den Wachensturm 1833 als Vorboten der Revolution 1848 deutete.

 

 

III. In der Zeit nach der Jahrhundertwende erschien das Lied erstmals auch in Liederbüchern. Diese Drucke veranschaulichen, dass "Es waren sechs Studenten" zunehmend als ein Lied der 1848er-Revolution wahrgenommen wurde. Dies spiegelt sich in einer Titelgebung wie "Das Lied von 48" ebenso wie in der Umdichtung der Absalom-Strophe auf Robert Blum. Zusammen mit den ersten volkskundlichen Liedaufzeichnungen zeigen die Quellen, dass sich das Spektrum der Liedvarianten stetig verbreiterte. So wird in einer anarchistischen Version 1906 beispielsweise Kaiser Wilhelm an den Galgen gewünscht,  während in der böhmischen Liedtradierung Relikte von Karl Holteis "Hat man brav gestritten" in den Text eingeflossen sind. Die Aufzeichnungen aus Böhmen zeigen zugleich, dass dort auch noch eine andere Melodie für das Lied von den sechs Studenten verwendet wurde. Mit dem wachsenden Einfluss der Sozialdemokratie als politischer Kraft und dem Ende des Kaiserreichs verlor das Lied jedoch an Attraktivität. 1920 ist es im Zuge des Arbeiteraufstands im Ruhrgebiet nochmal als Aktualisierung auf verhaftete Kommunisten umgeschrieben worden, aber insgesamt schwindet in den 1920er Jahren seine Präsenz. In Liederbüchern war es selten vertreten. Es blieb auch in der Zeit der Weimarer Republik vorwiegend in der Sphäre mündlicher Überlieferung. Deren Spuren sind wiederum nach 1945 (erneut rückblickend aus den Erinnerungen von Zeitzeugen) aufgezeichnet worden.

 

IV. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine gänzlich neue Etappe in der Geschichte des Liedes ein. Während Bruno Kaiser 1952 in seiner 1848er-Anthologie noch auf die Liederbuchfassung aus den 1920er Jahren zurückgriff, nahm Inge Lammel 1957 eine neuere Einsendung an das Arbeiterliedarchiv der DDR als Grundlage ihrer Veröffentlichung. Diese Liedfassung prägte die nachfolgende Rezeption und unterscheidet sich deutlich von den Versionen des 19. Jahrhunderts. Hier war nun nicht mehr davon die Rede, dass die Studenten in Haft waren "weil sie von Freiheit sangen", sondern weil sie "für die Freiheit fochten" und "für die "Menschenrechte".

 

Der deutlichste Unterschied war jedoch die Melodie: diese stammte aus der tschechischen Arbeiterbewegung und war dort zur Übersetzung von Sauerweins "Wenn die Fürsten fragen" ("Když se vás kdo táže, kde je Absolon") gesungen worden. 1962 hat Wolfgang Steinitz schließlich die liedgeschichtliche Vielfalt in ihren unterschiedlichen Facetten aufgezeigt und dokumentiert. Dennoch wurde Inge Lammels Publikation zum wichtigsten Bezugspunkt für alle späteren Veröffentlichungen und Einspielungen des Liedes und bewirkte dessen rasche Standardisierung. In der DDR war das Lied primär in Liederbüchern der FDJ und zum historischen Arbeiterlied vertreten, in der Bundesrepublik stieß es vor allem im Rahmen der Liedermacher- und Folkszene der 1970er Jahre auf starke Resonanz.

 

Angefangen mit der Aufnahme des Liedes durch Peter Rohland (1967) war "In dem Kerker saßen" im Repertoire etlicher namhafter Interpreten vertreten, von denen auch Hein und Oss Kröher (1974), Hannes Wader (1975) und Schobert & Black (1979) Einspielungen auf Schallplatte herausbrachten. In diesem von der Studentenbewegung 1968 geprägten Milieu war das Lied von den revolutionären, aus der Haft getürmten Studenten ein willkommener Gesang, der sich für eine Historisierung der eigenen (aktuellen) politischen Ideale bestens eignete: vom Wachensturm 1833 über die Revolution 1848 zur außerparlamentarischen Opposition nach 1968. In diesem Kontext wurde "In dem Kerker saßen" eines der populärsten historisch-politischen Lieder.

 

Es diente auch als Folie für verschiedene neue Protestlieder, etwa gegen den Radikalenerlass und den Bau von Atomkraftwerken. Sein damaliger Stellenwert spiegelte sich nicht zuletzt in der Verwendung als Werbeträger.  In den letzten Jahrzehnten findet sich "Die freie Republik" verstärkt auch im Repertoire von Pfadfinder-Liederbüchern. Rückblickend betrachtet verschoben sich im 20. Jahrhundert die Koordinaten zwischen "In dem Kerker saßen" und seiner ursprünglichen Vorlage "Wenn die Fürsten fragen" in symbolischer Weise: War das Lied auf die Frankfurter Studenten im 19. Jahrhundert sozusagen die "kleine Schwester" von Sauerweins "Lied der Verfolgten", welches in der Arbeiterbewegung – zumal in Zeiten des Sozialistengesetzes – dominierte, so wurde im 20. Jahrhundert der Gesang auf "Die freie Republik" zur Hymne und zum Leitbild revolutionärer Traditionsstiftung.

 

  • Diese Textauszüge stammen von Eckhard John, September 2013