Der Flüchtling
Buchenwald, Sommer 1942

 

 

Er hatte den Herren viel Ärger gemacht,

denn er wollte den Ketten entfliehen.

Sie hatten ihn bald wieder eingebracht,

um ihn vor Gericht zu ziehen.

 

Wie ein Vogel war er dem Käfig entschlüpft,

wenn die Frühlingslüfte ihn grüßen.

Man sagte, er werde nun aufgeknüpft,

und solle am Galgen büßen.

 

Und man fand der entrüsteten Worte viel,

denn er hatte dazu noch gestohlen.

Er besaß so wenig an Ehrgefühl,

sich Essen und Kleider zu holen.

 

Man riss ihm die Lumpen vom Leib herab,

und band seine Hände mit Riemen.

So kühlte man an ihm die Wut erst ab,

und peitschte ihm blutige Striemen.

 

Denn er hatte den Herren viel Ärger gemacht,

er hatte sie bitter beleidigt.

Er hatte ihr Herrenrecht mißacht',

und seine Freiheit verteidigt.

 

Sie schlugen ihn ohne Bedenken wund,

und taten bedenkenlos richten.

Er war ja viel weniger wert als ein Hund,

ein Geschöpf, kaum wert zu vernichten.

 

Und als die Nacht, die friedvolle kam,

vernahm sie ein hilfloses Stöhnen.

Da rang sie die Hände in schweigendem Gram,

und die Sterne glänzten wie Tränen.

 

Buchenwald, Sommer 1942

Verfasser unbekannt.

 

Ertsmals gesungen 1975 in der Vertonung von Dschuhi Hermann bei der DFU, Hotel Casino, Ulm, heute die "Ulmer Stuben". 1984 von mir neu vertont.

 

2017 schrieb Annette ein neue Melodie, das Lied ist ein fester Programmpunkt in unserem Repertoire und das Ungewöhnlichste, dass ich kenne, denn es schildert nicht nur ein Schicksal, sondern deckt die Motive der Herren auf.

 

Es ist weitgehend unbekannt und hier zum ersten Mal im Internet veröffentlicht.